LORE: CATE SHORTLAND ÜBER ‚LORE‘

CATE SHORTLAND ÜBER ‚LORE‘

Als ich ‚Die dunkle Kammer’ von Rachel Seiffert entdeckte, hat mich das in vielerlei Hinsicht berührt. Das Buch macht Geschichte ganz unmittelbar und persönlich erlebbar: seine drei unterschiedlichen Geschichten werden aus der Perspektive von Jugendlichen erzählt, die versuchen, die Ereignisse im Bannkreis des faschistischen Deutschlands zu verstehen. Die inneren Kämpfe der Figuren sind verstörend, aber auch unglaublich bewegend. Lores Seelenlandschaft hat mich fasziniert: ein erschreckender Ort, geprägt von einer merkwürdigen Mischung aus Gewissheiten und Zweifeln.

Das Buch hatte mir mein schottischer Produzent Paul Welsh gegeben, in Edinburgh, nach der Vorführung meines Films ‚Somersault’. Liz Watts, meine australische Produzentin, hatte es meinem Mann ein paar Monate zuvor zum Geburtstag geschenkt. Ein bemerkenswerter Zufall.

Rachel Seiffert erzählt fragmentarisch, beobachtend, sie kommentiert nicht. Der Gedanke, ihren Roman als Film zu adaptieren, hat mir zunächst Angst gemacht – sie wertet nicht. Aber diese Geschichte war mir sehr wichtig, die Frage, was es bedeutet, das Kind von Tätern zu sein. Mich beschäftigte diese Frage sehr: Australiens Verhältnis zu seiner Kolonialgeschichte ist eines der Verdrängung; dazu war ich lange ich im Südafrika nach der Apartheid und in Deutschland. Was hätte ich selbst inmitten des Massenmords und des Grauens gemacht? Hätte ich mich für die Verfolgten eingesetzt oder, wie die meisten, schweigend zugesehen oder, schlimmer noch, mich aktiv beteiligt?

Die Geschichte ist mir auch deshalb so nah, weil die deutsch-jüdische Familie meines Mannes 1936 aus Berlin weggegangen ist. Es sind die authentischen Fotos seiner Familie, die Thomas im Film in der Brieftasche hat. Es sind auch die Geschichten der Großmutter meines Mannes, die mich an Lore binden, die mich dazu bringen, diese dunkle und schmerzhafte Zeit verstehen zu wollen.

Obwohl ich kaum Deutsch spreche, wusste ich, dass der Film in dieser Sprache gedreht werden musste. Ich arbeitete mit dem deutschen Dramaturgen Franz Rodenkirchen zusammen und führte viele Gespräche mit älteren Menschen in Berlin, die Mitglieder in der HJ oder im BDM gewesen waren. Ihre Geschichten und Einstellungen, in denen mitunter sogar eine komplexe, seltsame Nostalgie aufschien, halfen mir, Lore zu verstehen.

Lore und ihre Geschwister sind die privilegierten Kinder eines hochrangigen SS-Offiziers, der am Massenmord in Weißrussland beteiligt war. Während sie Hüpfspiele machen, werden überall in Europa Menschen systematisch umgebracht. Lores Familie ist davon unberührt, bis ihr Vater 1945 aus dem Osten zurückkehrt. 1939 war er ein Kriegsheld. 1945, wenn die Handlung des Films beginnt, ist er ein Verbrecher.

Ich wollte verstehen, was das mit der Psyche eines Kindes macht. Wie wächst ein Kind in dem Wissen auf, dass die ihm nächsten Menschen unvorstellbare Verbrechen begangen haben, dass der Genozid inmitten ihres Alltags geschah? Meine Recherchen, besonders die hinsichtlich der SS-Einsatzgruppen in Weißrussland, haben mich immer wieder erschüttert. Trotzdem mussten die Opfer für mich als Regisseurin dieses Films immer knapp außerhalb des Blickfeldes bleiben. Es gab keine andere Möglichkeit, um diesen Film zu machen.

Das hat sich beim Drehen fortgesetzt. Einige der wunderschönen Häuser, die wir in der ehemaligen DDR als Drehorte nutzten, waren von jüdischen Kaufleuten vor dem Krieg gebaut worden. Jetzt stehen sie einsam und heruntergekommen. In etlichen Drehorten wie der alten Waffenfabrik zum Beispiel hatten Zwangsarbeiter gearbeitet. Jetzt sind diese Orte verlassen und zugewuchert.

Was mich zu LORE hingezogen und manchmal auch abgestoßen und wütend gemacht hat, war die Möglichkeit, mich in Grauzonen zu begeben. Lore glaubt an die fürchterlichste und zerstörerischste politische Ideologie unserer Zeit. Ich wollte ihren Mangel an Einfühlung verstehen, ihre romantische Entschlossenheit, an ihrem Glauben noch im Moment der Niederlage festzuhalten. Hitler war für sie nicht allein der „Führer“, sondern auch eine geliebte Vaterfigur. Sein Diktum war: „Die Schwachen müssen ausgemerzt werden. Ich will junge Männer und Frauen, die Schmerz aushalten können.“ Entsprechend glaubt Lore, dass es ihr Pflicht sei, diesen Schmerz klaglos zu ertragen.

Ich wollte ihren Kampf mit ihrer eigenen Menschlichkeit und ihrem Zugehörigkeitsgefühl verstehen. Die Außenwelt kümmert sich nicht um die Notlage Lores und ihrer Geschwister. Lore wird mehr und mehr abgetrennt von der Gesellschaft. Aber in dieser Trennung keimt eine wachsende Gewissheit – Lore ist verloren und ausgesetzt, aber sie kennt jetzt einen Teil der schrecklichen Wahrheit. Ihr wurde beigebracht, niemals Fragen zu stellen, sondern zu gehorchen. Am Ende des Films ist sie voller Fragen, von denen sie weiß, dass sie nie beantwortet werden.

Die Kinder von Albert Speer erzählten, dass sie ihren Vater niemals nach dem Holocaust und seiner Rolle im deutschen Zwangsarbeiterprogramm fragen konnten. Speers Sohn Albert sagte vor kurzem: “Die Wahrheit ist, dass ich ihm alle diese Fragen hätte stellen können, als er wieder nach Hause kam. Ich habe darüber nachgedacht, und ich habe es nicht getan.” Seine Tochter Hilde erklärte: “Ich habe es ihm leicht gemacht, weil ich nur bis zu einem bestimmten Punkt Fragen gestellt habe und weil ich die Antworten akzeptierte, die er mir gab.” Sein Sohn Arnold stellte schlicht fest: “Ich habe ihn nie etwas gefragt, was mit dem Dritten Reich zu tun hatte.”

Sie haben nicht gefragt, weil sie die Antworten nicht ertragen hätten. Weder die Lügen noch die Wahrheit.

(Cate Shortland, Sydney April 2012)

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